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CHRONOLOGIE EXPERIMENTE

LAYERS | Schichtungen

Lines, Layers + Frames

Das Bild einer Ausstellung wird in einem Prozess von Schichtungen modifiziert und als Gefüge von Linien, Layern und Frame neu arrangiert.

Bild 1, Linien

Beim Besuch des MAMCO im Sommer 2006 fällt mein Blick auf eine Bilderserie von Silvia Bächli, die dort mit ihren Arbeiten „Poèmes sans prénoms“ ausgestellt ist. Die Bilder zeigen Linien in Grautönen, die vertikal verlaufen, schwungvoll, unterschiedlich lang.

Lines are telling stories.What are doing these lines? Where is the beginning of a line, does the line touch another line, how does it touch ? […] I am less and less interested in narratable stories with a beginning and an end. The ephemeral between the stories, the tone are becoming more important to me, with all their gaps …

Silvia Bächli, Statement, 2018

Ich fotografiere mit Abstand das erste Bild, so dass es im Ganzen, mit Rahmen und im Galerieraum abgebildet wird.

Layer 1, Foto

Ich gehe weiter und fotografiere eines der nächsten Bilder, nun ohne Abstand als einen Ausschnitt.

Das Foto vermittelt ein Liniengefüge, das nur an einer Seite vom Rahmen begrenzt ist, der selbst als zwei vertikale Linien erscheint. Ein heller Lichtreflex durchzieht als eine horizontale Linie das Foto. Als Spiegelung ist meine Silhouette zu erkennen.

(Layer 1, Fotodatei)

2009 gestaltet Silvia Bächli auf der 53.Biennale di Venezia den Schweizer Pavillon mit der Installattion „det/it(to Inger Christensen)“. Neben Zeichnungen sind auch hier mehrere Bilder mit den fließenden Linien zu finden. Die Anordnung ist von Bächli akribisch festgelegt, gibt aber für die Betrachtung keinen Weg vor. Vielmehr müssen die Betrachtenden ihren eigenen Weg finden und Beziehungen zwischen den Arbeiten knüpfen. [1]

Silvia Bächli | Swiss Pavillon | Biennale di Venezia 2009 | Vernissage TV

Silvia Bächli nimmt mit der Installation die Idee von fortlaufender Bewegung, Veränderung und vielfältiger Kombination auf, wie sie Inger Christensen im Gedicht „det/it“[2] beschrieben hat:

I like a lot Inger Christensen’s first sentences of her masterpiece «it» («det» in Danish): «That. That was it. Now it has begun. It is. It continues. It moves. Further. Evolves. Becomes this and this and this. Goes on as that. Metamorphoses. Expands. Combines other more and persists as other and more.»

Silvia Bächli, Statement, 2018

Zehn Jahre später, 2016 stoße ich wieder auf die Fotodatei (Layer 1) und lasse einen Druck (Layer 2) erstellen. Er bekommt einen Rahmen, der das Foto in Breite der horizontalen Lichtlinie und entlang der linken vertikalen Linien eingrenzt, die den ursprünglichen Rahmen im Foto darstellen. Nach oben und unten überragt der Rahmen den Druck, zur linken Seite entweicht das Foto der Rahmung.

(Layer 3, Fotoprint, Rahmen Holz/Gips)

Anordnung auf gleicher Höhe, mit gleichem Abstand, aber in unterschiedlicher Länge: Die helle vertikale Linie im Vordergrund des Drucks wird im mittleren Foto im Hintergrund als dunkle, kurze Linie aufgegriffen und durch einen Draht, der das Foto hält, verdoppelt; das rechte Bild nimmt das rechteckige Format, weiße Farbe und Gipsmaterial des Rahmens auf und bezieht sich mit einem Draht in der unteren linken Ecke auf das mittlere Foto.

(Layer 4, Anordnung Print/Rahmen, Foto/Metallplatte, Leinwand Gips/Draht)


[1] Ramona Heinlein, Unterwegs zur Zeichnung –Über die Installation das(to Inger Christenden) von Silvia Bächli, Heidelberg 2020

[2] Inger Christiansen, det, Gyldendal, Kopenhagen 1969
english version: it, Translated by Susanna Nied , Introduction by Anne Carson, New Directions Publishing Corporation, NY 2006