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CHRONOLOGIE EXPERIMENTE

EINKAUFSTASCHE | und mehr

Ding der Sorge & Lust

Die Einkaufstasche ist ein Ding der Sorge um mich:
Die Materialität einer vollen Einkaufstasche verspricht, versorgt zu sein.

Oder ist es doch eher die Erotik jener Glücksmomente, in denen ich in einer kleinen Einkaufstasche Edles und Kleines nach Hause trage, die mich die Einkaufstaschen aufbewahren und über sie nachdenken lässt?

Am stärksten spüre ich ihre praktischen Qualitäten, wenn ich sie nicht dabei habe, die Einkaufstasche: die Kassiererin schiebt meine Sachen mit strengem Blick zur Seite und ich mache erst einmal Platz für die Leute in der Schlange hinter mir. Dann kommt alles, was nicht kleckern kann, in die Handtasche – die habe ich immer bei mir – den Rest klemme ich unter den Arm, die Weinflasche nehme ich in die Hand.

Ich werde selber zum Behälter und Transportmittel für die Dinge, für die eine Einkaufstasche so praktisch ist, weil sie in ihr besser aufgehoben wären und leichter zu tragen wären sie auch. Dennoch empfinde ich in solchen Momenten oft eine Leichtigkeit. Denn ich habe spontan gekauft und mitgenommen, was mir wichtig war oder einfach auch nur gefallen hat

Katze; Papiertüte und Einkaufstasche in der Ecke

Die Einkaufstasche hingegen steht für Planung: leer in der Ecke stehend mahnt sie mich, an die nächsten Besorgungen zu denken. Aus Kunststoff, auswaschbar, geräumig und mit Henkeln zum Zupacken ausgestattet, ist sie ein Ding, das ich nicht anfasse, weil es sich gut anfühlt oder es mir gefällt.

Einkaufstaschen, oraange,grüne

Ich nehme sie mit, um mich mit jenen Dingen zu versorgen, die versprechen, Mittel für einen sorgenfreien Alltag zu sein: Lebensmittel, Putzmittel, Waschmittel. Je voller die Einkaufstasche wird und je schwerer die Last, die ich nach Hause trage, umso entlasteter fühle ich mich gleichwohl – versorgt, zumindest für die nächsten zwei, drei Wochen, und die Einkaufstasche verschwindet wieder in der Ecke.

Auch wenn ich sie nicht benutze, behält dieses Ding seine Wirkung auf mich. Die Einkaufstasche greift in meinen Alltag ein, weil sie mich an die Sorge um mich erinnert, mit dem Blick aufs Notwendige, Praktische, Billige.

„Du siehst das zu negativ“, meint F. zu mir. „Denk doch mal daran, wie Foucault das mit der Sorge um sich beschrieben hat.“ Ja, die erotische Dimension fällt mir dazu ein. Doch diese vermag ihn nicht mit der Einkaufstasche und meinen Käufen beim Discounter zu verbinden.

Schon eher mit jenen Momenten, in denen mir die Kassiererin keinen strengen Blick zuwirft, sondern mir mit einem freundlichen Lächeln eine kleine Tasche aus Papier oder Plastik über die Theke reicht, in der schon die Dinge eingepackt sind, die ich allein fürs Wohlfühlen erstanden habe.

Schwarze Papiertüte, Sephora

Etwa in New York, als es kalt und grau war wie jetzt und hier auch, ich aber mit J. auf der 3rd Avenue „nur mal so“ in einen jener Beauty Shops hineinging, die die Wärme von Luxus und teuren Düften verbreiten.

Ich verließ ihn mit einer Einkaufstasche, die immer noch in meinem Zimmer herumliegt. Klein, schwarz, aus Papier, mit nur bedingtem Nutzen, eben für „Kleines“ von ebenfalls nur bedingtem Nutzen. Diese Einkaufstasche erinnert mich, aber sie ermahnt mich nicht. Ich bewahre sie gern auf.

Dann gibt es noch jenen Stapel an Plastiktüten, die ich auch aufbewahre, doch nicht eigentlich gern. Sie haben mir als Einkaufstasche „on demand“ gedient, in jenen Situationen, als mir der praktische Nutzen als Verpackung für den Transport wichtig war, meine Einkaufstasche aber schon voll war oder ich sie nicht dabei hatte.

Nun ist die Nachfrage befriedigt, die Plastiktüten sind aber noch immer da. Auf einigen von ihnen, denen aus dicker Folie und mit Trageschlaufen, steht eine Aufforderung, sie wiederholt zu benutzen. Wieder eine Ermahnung? Ich beschließe, sie zum Entsorgen von Müll zu verwenden und damit zugleich die Tasche selbst zu entsorgen. Die meisten Plastiktaschen zeigen Namen und Logos der Geschäfte, wo ich sie erhalten habe oder der Produkte, die ich in ihnen getragen habe.

Für umsonst mit Werbung rumlaufen und umweltschädlich sind sie auch“, missbilligt mein Mitbewohner die zahlreichen Tüten, die ich vor mir ausgebreitet habe. „Oh, cool“, findet meine Tochter und nimmt sich die Tasche von ihrem Lieblingslabel mit, um sie wie ein Bild in ihrem Zimmer an die Wand zu hängen.

Ich gebe beiden Recht und stecke zwei Tüten in meiner Lieblingsfarbe und ohne Aufdruck in meine Handtasche. Für den Fall, dass ich mal wieder meine Einkaufstasche nicht dabei habe…

Hat mich nun doch die subtile Botschaft der Einkaufstasche eingeholt und überzeugt, dass ich vorsorgen soll, um mich jederzeit versorgen zu können?

M . hat sich einen Einkaufsroller zugelegt, eine Einkaufstasche auf Rädern, zum Einkauf für die Familie. Im Gedränge des Wochenmarktes reiht sie sich in jenen Konvoi von Einkaufstaschen ein, die von ihren Besitzerinnen mit seitlich nach hinten ausgestrecktem Arm energisch platzfordernd durch die Menge gezogen werden.

Ich frage M., wie sie sich mit ihrem Einkaufsroller an der Hand fühle. Sie schaut mich verständnislos an. „Nun, ja, das Ding zwingt dir eine bestimmte, ungewohnte Körperhaltung auf, du musst drauf achten, dass du keinem über die Füße fährst…“ M. zögert und meint schließlich: „irgendwie anders als mit einer Einkaufstasche, die ich tragen muss, ist es schon. Auf jeden Fall hat so ein Einkaufsroller was Bodenständiges, ich kaufe ja auch nicht mehr nur für mich ein, sondern für meine Familie.“ Sie lächelt.

Mein Blick fällt auf ein Plakat, auf der eine Frau allein entlang läuft mit einer kleinen und offensichtlich leichten Einkaufstüte in der Hand, die die Aufschrift trägt: „Die Marke – was anderes kommt mir nicht in die Tüte.“ Exklusivität mit der passenden Einkaufstüte zur Schau und nach Hause getragen.

Dabei ist die Einkaufstasche ein Ding, das eher das Ende von Exklusivität markiert. Sie fand ihre massenweite Verbreitung, als immer weniger Leute es sich leisten konnten, ihre Einkäufe von „Laufburschen“ in Kartons nach Hause bringen zu lassen. Die Einkaufstasche verlangt von mir die körperliche Anstrengung ihres Tragens. Ich mag solche Einkaufsbeutel, deren Trageschlaufen so lang sind, dass ich sie mir über die Schulter hängen kann. Dann bleiben noch die Hände frei. Meine große Einkaufstasche stemme ich mir auf die Hüften. Mein Körper passt sich in seinen Bewegungen der Einkaufstasche an. Ich gehe langsamer, spanne die Rücken- und Armmuskeln an.

Etwas Besonderes sind die Einkaufstaschen, die ich beim Kauf von Büchern erhalte. Bücher zählen für mich zu den Lebensmitteln mit einem Lustfaktor; ich brauche sie, aber ich genieße auch ihren Einkauf. So dient mir die Einkaufstasche weniger dem Tragen einer Last als dem Schutz jenes Lustobjektes. Bis zur ersten Lektüre ist das Buch in der Einkaufstasche vor den Spuren des Blätterns, vor Knicken oder gar Flecken sicher. Die Einkaufstasche ermahnt mich nicht an eine lästige Pflicht, sondern erhält die Vorfreude, ein wenig wie bei einem Geschenk, das ich noch auspacken darf.

Ich bewahre diese Einkaufstaschen gern auf, um sie erneut für Dinge zu verwenden, die ich geschützt transportieren möchte. Etwa das Mitbringsel für die Party oder das Kleid vom letzten Sommer, das ich nun im Second Hand Laden verkaufen möchte. Ordentlich zusammengefaltet kommt es in die Einkaufstasche, die mir nun als Verkaufstasche dienen soll.


Der Text „Die Einkaufstasche“ ist in sinn-haft 17, „Inmitten der Dinge. Über Mediologie“. zeitschrift zwischen kulturwissenschaften, hrsg. vom
hyper[realitäten]büro, Wien 2004 erschienen.

In der Gruppenausstellung cluster, Berlin April 2008, war „Die Einkaufstasche“ als Assemblage aus Text, Foto, Audio (gelesener Text) und Objekt zu sehen und zu hören.