Fröhliche Chirurgie | Neu betrachtet

Zeit im Spieel urbaner Orte

Fröhliche Chirurgie oder wie der wahre Körper endlich zur Ware wurde – diesen Weg habe ich erneut betrachtet und für meinen Vortrag zur Tagung und  Ausstellung “BADEN IN SCHÖNHEIT. Die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert um einige Stationen  ergänzt, die ich hier kurz vorstelle. Der gesamte Vortrag ist im Katalog zur Ausstellung veröffentlicht. [1]

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Performance als ein dividueller Prozess | Kaaren Beckhof

Kolam Performance Beckhof

Dieser Text wird als Beitrag in einem Katalog zur Kolam- und Performancekunst von Kaaren Beckhof 2020/21 erscheinen.

Geleitet von einer intensiven Wahrnehmung des Ortes und seiner Innenschau, geht es Kaaren Beckhof darum, den Ort mit ihrer Streuzeichnung atmosphärisch umzudeuten und an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen.

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SCHNITT|STELLE

SCHNITT|STELLE

SCHNITT | STELLE

Der Körper im Zeitalter seiner Herstellbarkeit.

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Den Körper als SCHNITT|STELLE zu begreifen, heißt ihn im Spannungsfeld von Natur und Kultur zu positionieren:
Der Körper als Fleisch gibt zum einen das physische Material, die Stelle her für (blutige) Schnitte, die ihn öffnen und entstellen, die ihn aber auch (wieder)-herstellen, verändern, gestalten, transformieren können.

Zugleich ist der Körper die Stelle, an der sich symbolische Zuordnungen und Wahrnehmungsmuster einschreiben, die ihn überhaupt erst als soziales Konstrukt von Körper und Geschlecht herstellen.

Der Körper findet in seiner Materialität keinen “Ursprung” vorgegeben, keine Wahrheit oder Substanz, nach der er sich wesensmäßig wie ein “mit sich selbst übereinstimmende[s] Bild” (Michel Foucault) zu entfalten vermöge.

Vielmehr nimmt der Körper die Position der “Herkunft” ein, von der aus die Spuren seiner kontingenten Entstehung innerhalb historisch-gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse aufzudecken sind. Der Körper als (Natur)-Fleisch wird von den Effekten sozialer und kultureller Praktiken geprägt, die als gesellschaftliche Prozesse an seiner Materialität “nagen.”

SCHNITT|STELLEDer Körper ist damit zum zweiten SCHNITT|STELLE im Sinne einer Verbindung, die sich durch die Differenz von Natur und Kultur und ihrer Relation zueinander bestimmt. Aus dem Verhältnis von Körper(material), Körperbild oder- vorstellung und dem Medium, das in dieser Triangel vermittelt, ergeben sich die Schnittmuster, die jeweils Körper und Gender als historische Tatsache konstruieren.
Sie werden in dieser Arbeit in den Szenarien des physischen, elektronischen und digitalen Körpers aufgespürt.

Im Blick auf die medialen Umsetzungen des Körpers werden die ihnen impliziten symbolischen Ordnungen und medienspezifischen Bedingungen aufgezeigt, die den Körper als Konstrukt organisieren und im Vollzug kultureller Praktiken erfahrbar machen.

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Dissertation Freie Universität Berlin 2006, gefördert im Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre
SCHNITTSTELLE. Der Körper im Zeitalter seiner Herstellbarkeit, Saarbrücken [2009], SVH, ISBN 978-3-8381-0795-0

Die Linie | Bewegung in Raum & Zeit

[11/2011; re-published 03/2021

Die Natur kennt keine Linie, [1] die Line [linea .lat .] ist ein Konstrukt: Wir denken und ziehen Linien, um Verbindungen zwischen Dingen, Bewegung, Zeit und Raum sichtbar zu machen, die als solche nicht sichtbar sind. Die Linie bildet nicht ab, sondern bildet, stellt etwas her, das ohne sie nicht gesehen wird. Sie kann in diesem Sinn als „transnatural“ bezeichnet werden. [2]

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material turn | Die Macht der Dinge [2]

Zeit im Spieel urbaner Orte

// Fortsetzung von: //material turn | Dinge [0] [1]

2 | Dingbedeutsamkeit

[Sept. 2012; re-published Jan. 2019]

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„Material“ turn verweist auf die Dinge, und zwar wie sie als Konzept, Analysekategorie, Medium gesellschaftlich wirksam sind, indem sie in kulturelle Praktiken eingreifen, neue Wahrnehmungsräume eröffnen, Wissen und Technologie transferieren.

Doch was genau sind Dinge?

Obwohl die Dinge von uns geschaffen werden, erweist sich die Antwort keineswegs als leicht. Denn die Dinge prägen uns zugleich. Diese „Reziprozität der materiellen Kultur (Menschen formen Dinge – Dinge formen Menschen)“[1] erfordert, die Dinge im Spannungsfeld von Materialität und kultureller Bedeutung zu verorten.

Der Blick auf die Herkunft der Dinge aus unserer Produktion kann nicht die Geltung erklären[2], die in jedem Ding als „Überschuss“ steckt, als die „Dingbedeutsamkeit“, die über eine instrumentellen Bezug hinausgeht,[3] sich aber auch nicht darin erschöpft, dass Dinge gleichsam „eingefrorene Handlungen“, “…nichts anderes als Materialisierungen von Ideen, Handlungen und mentalen Prozessen sind.“[4] Vielmehr zeichnen sich Dinge durch „materielle Eigenqualitäten, Beziehungsqualitäten und Funktionsqualitäten“ aus.[5]

Um die Dinge in ihrer Komplexität zu begreifen, müssen jeweils „die Kontexte des Gebrauchs, der individuellen und kollektiven Aneignung und des Sinns, der emotionalen und ästhetischen Besetzung“[6], kurz, das soziale setting ihrer Verwendung und die Intentionen ihrer Verwender einbezogen werden. [7] Historisch betrachtet, verläuft eine solche Kontextualisierung als De- und Rekontextualisierung, so dass sich die Bedeutungen und Funktionen der Dinge beständig verändern.[8]

Diese Transformation wird nur greifbar, indem der wissenschaftliche Blick nicht dem einzelnen Ding gilt, sondern dem gesamten System der Dinge:[9]

„Things, not mind you, individual things, but the whole system of things, with their internal order, make us the people we are“.[10]

Bourdieu zeigte bereits in seinen frühen, noch strukturalistisch beeinflussten, Arbeiten[11] auf, wie die Dinge durch alltägliche Praktiken des Umgangs mit ihnen erst „uns“ in der Sozialisation machen, bevor wir in der Lage sind, dass wir die Dinge machen.[12] Damit ist nicht eine bloße Abfolge, sondern eine Dynamik beschrieben: Die Dinge können ihre prägende Wirkung nur dann entfalten, wenn ein aktiver Umgang mit ihnen erfolgt; gleichwohl verlaufen diese Aktivitäten für die Akteure insofern unbewusst, als sie Mustern folgen, die das System der Dinge ihnen gegenüber als quasi „zweite Natur“ verfestigt hat. Seine gesellschaftliche Wirksamkeit und prägende Kraft ist umso effektiver, je mehr das System der Dinge eine „Bescheidenheit“ (humility of things) entwickelt, wie D. Miller es nennt:

„The surprising conclusion is that objects are important, not because they are evident or physically constrain […] but quite opposite. […] The less we are aware of them, the more powerfully they can determine our expectations, by setting the scene and ensuring appropriate behaviour. [..] They determine what takes place to the extent that we are unconscious of their capability to do so.”[13]

Im Umgang mit den Dingen wird von den Akteuren eine Gesamtheit von Dispositionen erworben, die sie verinnerlichen, so dass sie als „Habitus“ unbewusst Wahrnehmung, Verhalten, Emotionen strukturieren und steuern können.[14]

Die in der habitualisieren Alltagspraxis produzierten Dinge verselbständigen sich wiederum gegenüber der Tätigkeit, die sie hervorbrachte und den Menschen, die sie ausführten. „Sofern menschliches Leben weltlich und weltbildend ist, hat es sich auf einen Prozess stetiger Verdinglichung eingelassen.“[15] Indem die Dinge die Zeit ihrer Produktion und oftmals auch die Lebenszeit der Produzenten überdauern, können sie sowohl strukturell den Transfer, als auch historisch die Tradition von kulturellen Praktiken mittragen.

Wissenschaftliche Erklärungsmuster, die den Zusammenhang aufdecken und die spezifische Weise erläutern wollen, in der sich die Materialität und Bedeutung der Dinge bei den Akteuren verbinden, folgen dabei je nach Disziplin unterschiedlichen Wegen.[16]


Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

//material turn | Dinge [0] [1] [2]


[1] Andrea Hauser 2005:137

[2] Schon Nietzsche 1988:237 bemerkte, dass das Wissen allein um die Herkunft der Dinge aus menschlicher Produktion nicht ihre Geltung erklärt. Vgl. Martin Scharfe 2002:99

[3] Andrea Hauser 2005:143

[4] Gottfried Korff 2002:31

[5] Gottfried Korff 1992: 8, zitiert in: Andrea Hauser 2002:143

[6] Andrea Hauser 2005:146

[7] Hans Peter Hahn 2002: 62

[8] Andrea Hauser 2005:146

[9] Claude Lévi-Strauss 1958 lenkte mit seinem strukturalistischen Ansatz in der Anthropologie erstmals durchgängig den Blick auf die Beziehungen zwischen den Dingen lenkte und betrachtete sie nicht mehr als einzelne und isolierte Objekte, um auf ihre soziale Bedeutung zu schließen.

[10] Daniel Miller 2010:53

[11] Pierre Bourdieu 1970: die in seiner 1963/64 verfassten Studie „La maison kabyle ou le monde renversé  vertretene Position hat er in seinen späteren Arbeiten kritisch erweitert und systematisiert.

[12] Daniel Miller 2010:53 bezogen auf Pierre Bourdieus Studie „La maison kabyle ou le monde renversé

[13] Daniel Miller 2010:50

[14] Der Habitus bildet ein „sozial konstituiertes System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen, das durch Praxis erworben wird und konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist.“ Pierre Bourdieu/ Loic J.D. Wacqant 1996:154; auf die (politische) Kritik an Bourdieus Habitus-Konzept, ob und inwieweit es ihm trotz seiner Vermittlung von objektiven sozialen Grenzen und subjektiven Wahrnehmungsweisen und Praktiken nicht gelingt, sozialen Wandel, kritische Praxis und Handlungsfreiheit einzubeziehen und Klassenpositionen adäquat zu erfassen, kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Vgl. Klaus Eder, (Hg.) (1989); zur aktuellen Diskussion vgl. Helmut Draxler 2008: 265-273

[15] Hannah Arendt 1960/1981: 88, zitiert in:

[16] Andrea Hauser 2005:141

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Literatur
Links “material turn”

material turn | Die Macht der Dinge [1]

// Fortsetzung von: //material turn | Dinge [0]

1  Turn | Besonderheiten

[Sept. 2012; re-published Jan. 2019]

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Ein turn [1] entsteht aus Veränderungen in sozialen und kulturellen Prozessen, genauer aus „Veränderungen der gesellschaftlichen und medialen Wahrnehmungslage“.[2] So verweist z.B. der iconic turn auf gesellschaftliche Bilderflut und Blickregime.[3]

In dieser Rückbindung an gesellschaftliche Praktiken und Ästhetik geht ein turn über reine Theorietransformationen, etwa entlang von Schulen und Richtungen (z.B. (De)Konstuktivismus) oder Methoden (z.B. Diskursanalyse,) hinaus.[4] Zugleich grenzt sich der turn ab vom Paradigmenwechsel, für den die Vorstellung eines Weltbildes im Sinne eines fest umrissenen Forschungskonsensus und seiner sprunghaften, revolutionären Ablösung kennzeichnend ist.[5]

Ein turn hingegen kann im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Disziplinen in simultanen Konstellationen mit anderen turns „systematische Fokussierungen vor[schlagen] und […] Analysekategorien verhandlungsbereit, übersetzbar, also anschlussfähig [halten]. In einer pluralisierten Wissenschaftslandschaft eignen sie sich somit als ‚Korridore’ für eine transnational angelegte Wissenschaftskommunikation.“[6]

In der aktuellen Forschungslandschaft lassen sich mehrere turns ausmachen, deren Vielfalt und Simultaneität quer durch die verschiedenen akademischen Disziplinen zum einem der Pluralisierung der kulturellen Prozesse und Lebensbereiche entspricht, die mit dem Ende der einen vorherrschenden Metaerzählung in den gesellschaftlichen Vorstellungen einhergeht.

Zum anderen folgen die turns in ihrer Anordnung einer Verschiebung, die selbst als „spatial turn“ beschrieben werden kann. [7] Verräumlichung – „Always spatialise!“ (Frederic Jameson)[8] kennzeichnet die Postmoderne, die seit Ende der 80er Jahre das gesellschaftliche Selbstverständnis zunehmend bestimmt. Während für die Moderne die Orientierung an Evolution und Fortschritt und damit die Idee von Zeit als einer diachronen, auf Entwicklung und Fortschritt hin orientierten Abfolge grundlegend war[9], setzt nun ein „Raumdenken“ ein: Der Raum, nicht mehr physisch- territorial verstanden, sondern als relationales und synchrones Beziehungsgefüge wird zum entscheidenden theoretischen Konzept und Erkenntnismedium.[10]

Für die Wissenschaft folgt hieraus die Ausrichtung auf interdisziplinäre, vernetzte Arbeit, „… in eklektischen Konstellationen. So kann man durchaus mit mehreren turns zugleich arbeiten. Es gibt keine Fortschrittsachse, auf der man jeweils immer nach dem neuesten turn zu greifen hätte.“[11] Die interdisziplinäre Arbeitsweise geht einher mit einer transnationalen Wissenschaftskommunikation. In diesem Kontext können auch die kollaborativen Arbeitsweisen und Konzepte einer „open Reasearch“ und „open Science“[12] gesehen werden, wie sie durch die sozialen Medien des Internets unterstützt und erweitert werden.


Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

//material turn | Dinge [0] [1] [2]


[1] Argumente für die Verwendung des englischen Begriffs turn führt Doris Bachmann-Medick 2009:32 an; neben dem Anschluss an die internationale Diskussion sind es v.a. unpassende Konnotationen, die „Wende“ oder „Kehre“ frei setzen, während in turn die lebensweltlich- pragmatische Ausrichtung mit schwingt.

[2] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[3] ibid.

[4] ibid.

[5] Doris Bachmann-Medick 2009:17;
Thomas S. Kuhn 1967

[6] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[7] ibid. 06, Doris Bachmann-Medick 2009:284

[8] Zitiert von Doris Bachmann-Medick 2009:284

[9] Doris Bachmann-Medick 2009: 05; 08

[10] vgl. Doris Bachmann-Medick 2009:284 – 317

[11] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[12] vgl. exemplarisch: Michael Nielsen 2011

//
Literatur
Links “material turn”

material turn | Die Macht der Dinge [0]

Tüte auf Stuhl

0 | Intro

[Sept. 2012; re-published Jan. 2019]

Tüte auf StuhlEtwa seit der Jahrtausendwende haben die Dinge in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften „Konjunktur“ [1]. Dabei rücken die Dinge nicht nur anstelle der Ideen als Gegenstand in den Focus der verschiedenen Untersuchungsfelder, es vollzieht sich vielmehr ein „material turn“, in dessen Verlauf die Dinge und die Praktiken der materiellen Kultur selbst zu Analysekategorien und Konzepten in den verschiedenen akademischen Disziplinen werden: „Von einem turn kann man […] sprechen, wenn der neue Forschungsfokus […] nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und –medium wird.“[2]

Damit ist die Frage aufgeworfen, welche methodisch und inhaltlich fruchtbaren Impulse können von den Dingen ausgehen, wenn es darum geht, mit ihnen kulturelle Praktiken, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und sie als Medium zu nutzen, um sowohl neue Wahrnehmungsräume zu erschließen als auch Wissen und Technologien zu transferieren?

Um sich einer Antwort anzunähern, werden zunächst diese grundlegenden Aspekte des „material turn“ betrachtet.

//Abgrenzungsmerkmale und Besonderheiten eines turn in den Wissenschaften;
//Dinge in ihrer Materialität oder das, was das „material“ am turn ausmacht;

Von hier aus werden dann Thesen und Beispiele vorgestellt zu den

//Möglichkeiten des „re-turn“ in gesellschaftliche, ökonomische und mediale Handlungsfelder.

Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

//material turn | Dinge [0]  [1] [2]


[1] Anke te Heesen, Petra Lutz 2005:14

[2] Doris Bachmann-Medick 2009:26

//
Literatur
Links “material turn”

Die fröhliche Chirurgie

Barbie Puppe

– oder wie der wahre Körper endlich zur Ware wurde.

[1]
In prähistorischer Zeit bahnt der Schamane mit dem Schnitt in den Körper einen Ausweg für die bösen Geister, von denen er den Körper befreien will.[1] Die Muster von Körper, Sex und Gender sind in mythologisch/religiös geprägte Vorstellungen eines “wahren” Körpers eingebunden. De/Konstruktion ist normativ/ethisch eingegrenzt: die einem Schöpfergott bzw. den Gottheiten und/oder der Natur zugeordneten de/konstruktiven Effekte bilden die vorgefundenen Parameter, die nicht überschritten werden. Der “wahre” Körper ist der von Gott/Natur geschaffene Körper, dessen Muster nur zur Lobpreisung seines Schöpfers kontemplativ de/konstruiert wird.
Bis in die Neuzeit werden sich Vorstellungen und gesellschaftliche Praktiken, die das Muster von Körper, Sex und Gender de/konstruieren, an der Frage orientieren: Was darf und soll ich tun, um meiner göttlichen/ natürlichen Bestimmung zu genügen?

Die entscheidende Wende tritt Ende des 18.Jh. mit der Vorstellung ein, dass der Körper eine durch Reiz/Reaktion vom Menschen kontrollierbare “Organmaschine” sei. “[2] Die Grenzen von Mythologie und Religion werden überschritten, indem Vorstellungen der biologischen Funktionen und Erklärung sowie der Unterwerfung und Nutzbarmachung[3] die Muster von Körper, Sex, Gender. de/konstruieren. Die leitende Frage lautet nun, wie funktioniert der Körper als biologischer Zusammenhang und wie kann ich ihn für gesellschaftliche Zwecke einsetzen/optimieren? Der “wahre” Körper ist der “gesunde” Körper, der in den gesellschaftlichen Produktions- und Herrschaftsverhältnissen funktionale Leistungen erbringt.

Barbie PuppeSeit Mitte des 19.Jahrhunderts etabliert sich die Plastische Chirurgie als besondere Disziplin.[4] Der Maßstab für die Vorstellungen, nach denen der chirurgische Schnitt die Körpermuster auch physisch de/konstruiert, sind die Regeln sozialer Akzeptanz und Funktionstüchtigkeit. Die Grenzen der Natur werden mit Hilfe der Kenntnisse ihres Funktionierens überschritten, um den “wahren” i.e. gesellschaftlich “gesunden” Körper zu de/konstruieren, der aber als natürlich wirken soll. Die Vorstellungen und Praktiken der De/Konstruktion bleiben in der Darstellung des Resultats als eines scheinbar naturgeformten Körpers verborgen. Der “wahre”, Körper ist doppelt gesellschaftlich codiert: nach Maßgabe seines “gesunden” Leistungsvermögens und der Ideologie des Natürlichen, die sich über die Vorstellungen und Praktiken seiner De/Konstruktion stülpt und sie verhüllt.

[2]
“Inscene yourself”- dieser Slogan eines Modeherstellers[5] Ende des 20. Jahrhunderts gilt nicht mehr nur für die Kleiderhülle des Körpers, sondern für ihn selbst. Die Entwicklung der Technologie ermöglicht Vorstellungen, die bislang indisponible Körpermuster “entbergen”:
Techne [6] als Kunst und Technik de/konstruiert ein Formatierungspotential des Körpers, das ihn aus den als “wahr” codierten Bestimmungen gesellschaftlicher Zwecke und natürlicher Gesundheit herauslöst.
Barbie PuppeDer Ausschlussmechanismus selbst, der von der Vorstellung eines “wahren” Körpers aus das Andere denunziert, wird in seiner bipolaren Struktur de/konstruiert . Durch die Techne wird der Körper auf ein Drittes bezogen, das nicht im “Gestänge und Geschiebe und Gerüste”[7] des Technisch/Instrumentalen und der zweckrationalen Optimierung aufgeht. “[8] Es geht um die Herausforderung, in den Mustern von Körper, Sex und Gender das Andere, ein zuvor Nicht-Disponibles als Potential zu de/konstruieren und es als Vorstellung verfügbar zu machen, als Bild zu “erobern”, wie es Heidegger formuliert hat. “Man sieht also Körper, weibliche, männliche Körper, kombinierbar ohne Ende, und was im Bild kombinierbar ist, kann natürlich auch in der Wirklichkeit kombinierbar sein.”[9] Die medial vermittelten Vorstellungen dessen, was machbar ist, de/konstruieren ein Muster von Körper, Sex und Gender, für das es nicht mehr den einen “wahren” Körper gibt. Statt durch essentielle, natürlich oder gesellschaftlich begründete “wahre” Parameter und Grenzen organisiert sich der Körper über vielfältige, hybride und temporäre “Differenzfelder”.[10]
Die leitende Frage lautet: “Wie will ich aussehen?”

Mit dem Ende der als Natur /Schöpfung(v)erklärten und gesellschaftlich sanktionierten Vorstellungen, die Körper, Sex und Gender “wahre”, festumrissene Identitäten zugeordnet haben, ist eine Vielfalt möglicher und machbarer “Schnitt/Muster” eines anderen Körpers eröffnet. De/Konstruktion wird zum kombinatorischen Spiel mit androgynen, multiplen und polymorphen Mustern von Körpern, die “Inter/Faces” bezeichnen: temporäre “Zwischen/Gesichter”, die stets erneut de/konstruiert werden können und hybride Schnittstellen, die sich als mediale Oberflächen präsentieren. “What you see is what you get”- der Körper kann, wie er vorgestellt wird, hergestellt werden. Ist die Vorstellung eines “wahren” Körpers de/konstruiert, so muss auch der physische Körper nicht mehr als der “wahre” hingenommen werden. Das Muster “Natur” ist nurmehr eine von vielen Optionen und hat auch als Ideologie ausgedient: die Praktiken und Effekte der plastischen Chirurgie werden nicht mehr unter dem Schein des Gesunden und Natürlichen verhüllt, sondern in öffentlichen Szenarien enthüllt.

In den 90er Jahren hat die französische Multimediakünstlerin Orlan[11] mit ihrem Projekt “L’Art Charnal” (“Fleischliche Kunst) die De/Konstruktion des Körpers in chirurgischen Performances als ein Spektakel aus Anatomischen Theater und Theater der Grausamkeit inszeniert. Orlan de/konstruiert das “ready made” des eigenen Körpers nach Vorstellungen, die die natürlichen wie die gesellschaftlichen Grenzen aufbrechen und überschreiten. Die Praktik der De/Konstruktion als eine Abfolge temporärer Inter/Faces wird in “L’Art Charnal” zum radikalern und blutigen Diskurs, der öffentlich und prinzipiell ohne Ende geführt wird.

[3]
Barbie PuppeFast zeitgleich in den 90er Jahren hat die Amerikanerin Cindy Jackson begonnen, ihren Körper einer Serie von chirurgischen Eingriffen zu unterziehen. Inzwischen hält sie mit 38 plastischen Operationen den “Weltrekord”[12] und kann als prototypisch für die Entwicklung einer “Fröhlichen Chirurgie” betrachtet werden: Wie die “Fröhliche Wissenschaft” orientiert sich die “Fröhliche Chirurgie” an einer Lebens/Kunst, die “tapfer [ist] bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten.”(Friedrich Nietzsche)

Cindy Jacksons Körper erscheint als die Inkarnation der von ihr favorisierten Vorstellung der Plastik- Barbie als Organisationsmuster von Körper, Sex und Gender: Ihr Körper ist Plastik im Doppelsinn von Form und Material. “Auf der einen Seiten der tellurische Rohstoff, auf der anderen Seite der perfekte Gegenstand. Zwischen diesen beiden Extremen nichts; nichts als ein zurückgelegter Weg, der von einem Angestellten mit Schirmmütze, halb Gott, halb Roboter, überwacht wird.”[13]
Bereits als Kind litt Cindy unter der vermeintlich schöneren und beliebteren Schwester.[14] So verbindet sie mit einer Barbie-Puppe, die sie als Geschenk erhielt, die Vorstellung von einem schöneren Körper und besseren Leben: das Muster von Körper, Sex, Gender wird bezogen auf sozialen Status und Anerkennung, den Konkurrenzparametern auf einem Markt der gesellschaftlichen Beziehungen.

Was als die De/Konstruktion des “wahren” Körpers begann, endet in der “Fröhlichen Chirurgie” als die Produktion eines Waren- Körpers. Die vielfältigen, hybriden und temporären Differenzfelder, die de/konstruktiv eröffnet wurden, werden auf eine Oberfläche der Erscheinungen reduziert, die wiederum durch die Vorstellung eines “wahren” Körpers organisiert ist: nämlich des Körpers als Ware.

Der Körper wird als “Vorher”/”Nachher” Ereignis inszeniert, in dem der chirurgische Schnitt als de/konstruktive Praktik “verschwindet” und nur unter dem Aspekt des erfolgreichen und perfekten Resultats betrachtet wird. Der Maßstab “erfolgreich” ist an Marktregeln orientiert, die die gesellschaftlichen Beziehungen im Privaten wie im Berufsleben bestimmen. “Schönheit siegt immer,” verheißt der Schönheitschirurg Dimitrij Panfilov.[15]
“Wie muss ich aussehen wollen, um erfolgreich zu sein ?” wird zur leitenden Frage.
Dem perfekt de/konstruierten Körper werden wie einem Fetisch besondere Effekte zugeschrieben. Der chirurgische Schnitt soll den Körper zwar nicht wie in prähistorischer Zeit von bösen Geistern befreien, aber vom negativ sanktionierten Körper “Vorher”, so dass durch den Körper “Nachher” Wohlstand, Glück und Erfolg als gleichsam “gute Geister” herbeigerufen werden.[16] Cindy Jackson spricht von ihrem Körper “Vorher” wie von einer fremden, verstorbenen Person.” I don’t even associate myself with that person. She’s dead. I cut her up.”[17] Und “Nachher”- endllich-: “I started getting successful professional men after me, men with money.”[18]

Durch das “Verschwinden” der de/konstruktiven Prozesse im Resultat verdinglichen die nach den Vorstellungen der “Fröhlichen Chirurgie” de/konstruierten Muster des Körpers zur “zweiten Natur”. Sie erscheinen als Dinge, die als Waren käuflich sind. “What you see is what yout get” bezeichnet in der “Fröhlichen Chirurgie” nicht mehr die Schnittstelle von Vor- und Herstellung einer Vielfalt an Mustern von Körper, Sex und Gender, sondern die Schnittstelle von Angebot und Nachfrage einer marktorientierten Produktpalette an Körpermustern. Der “wahre Körper” ist der Körper als “Ware” und vice versa: die “wahren” Körper stehen zu Waren- Körpern verdinglicht zur Auswahl und zum Kauf bereit; umgekehrt umfasst das Angebot an Waren- Körpern nur die “wahren” Körper, i.e. solche, die den gesellschaftlich positiv codierten Erfolgsmustern entsprechen.

Wie vormals die “erste”, so funktioniert nun erneut die “zweite Natur” der wa(h)ren Körper als ein Ausschlussmechanismus. De/Konstruktion verschiebt sich in der “Fröhlichen Chirurgie” von der Techne des “Ent-bergens” zur Technik des “Ver-bergens” eines Anderen. Instrumentell ausgerichtet zielt sie als Technik darauf ab, den Körper nach den wa(h)ren Vorstellungen für den Arbeits- und Beziehungsmarkt zum perfekten Produkt zu optimieren und Muster eines Anderen als (Stör)Potential zu verbergen. Die Vielfalt, die in den Differenzfeldern de/konstruktiv eröffnet war, wird zur Ideologie ihrer selbst: “What you see is what you get” -weil das, was vorstellbar ist, auch herstellbar ist-, verschleiert als die Verlockung des Marktsortiments, auf das die Vielfalt reduziert ist, genau diese Konditionierung durch den Konkurrenzdiskurs, für den nurmehr vorstellbar ist, was auch (ver)kaufbar ist. Von hier aus wird mit Ausschluss sanktioniert, was den Vorstellungen der “Fröhlichen Chirurgie” nicht folgt, nicht folgen kann oder nicht folgen will.[19]

Das “Happy End” der “Fröhlichen Chirurgie”, die mit dem Erwerb des “wa(h)ren” Körpers ein erfolgreiches glückliches Leben” verspricht, erweist sich als trügerisch: Gerade wenn und solange diese gesellschaftliche Praktik der Fetischisierung des “wa(h)ren Körpers” funktioniert, muss er immer wieder erneut erworben werden. Aus dem kombinatorischen Spiel der De/Konstruktion des “wahren” Körpers wird in der “Fröhlichen Chirurgie” der Plan zum Kauf des Körpers als Ware: “Mit Ende 20 das erste Peeling, dann etwas Botox und Lasern. Mit 50 das erste Facelift, das zweite mit 65.”[20]

 

Beitrag: PostModerne De/Konstruktionen Graduiertenkonferenz Erlangen [2002]
Talk: Fachtagung: Schön oder hässlich – Normierung, Abweichung und Überschreitung geschlechtlicher Identitäten
Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Leipzig [2003]

[scribd pdf]

[Anmerkungen]

[1] History of Medical Careers ,
library.thinkquest.org/15569/hist-2.html [10.10.2002]
Der operative Vorgang wurde mit Steininstrumenten ausgeführt und glich der Trephination, der Schädelbohrung, wie sie auch heute noch praktiziert wird.

[2] Peter Sarasin, 2001, Reizbare Maschinen, Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, , Frankfurt/M, Suhrkamp

[3] Michel Foucault, 1977, Überwachen und Strafe. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M, Fischer
id. 1999, 5.Aufl., Die Geburt der Klinik, Eine Archäologie des ärztlichen Blicks, Frankfurt/M, Fischer

[4] History of Plastic Surgery,
plasticsurgery.org/overview/pshistry.htm [10.10.2002] [nicht mehr online]
History of Facial Plastic Surgery
facial-plastic-surgery.org/patient/about_us/h_father.html
[10.10.2002] [nicht mehr online]

[5] inscene.de [10.10.2002] [nicht mehr online]
” INSCENE die Young-Fashionmarke für Boys und Girls”, die mehr als nur Kleidung verkaufen, sondern ein ganzes Lebensfeeling vermitteln will. Das “Outfit” ist Teil und Ausdruck einer “philosopy”, die den gesamten Alltag zum Raum einer permanenten Selbstinszenierung erklärt.

[6] Martin Heidegger, [1949],1962, Die Technik und die Kehre, Vortrag 01.12.1949, Club zu Bremen,
erw. Fassung “Die Frage nach der Technik”, 18.11.1955, Pfullingen, Neske

[7] ibid. p. 20

[8] ibid.; Heidegger hat diese Eigenschaft der Techne als “Ge-Stell” bezeichnet:
“… die Weise des Entbergens, die im Wesen der modernen Technik waltet und selber nichts Technisches ist”.

[9] Alain Finkielkraut, 2000, Gespräch “Das neue Menschenbild. Die Konstruktion des Humanen”, 03.05.2000, ZKM Karlsruhe, in: Carl Hegemann, (ed)., Glück ohne Ende, Kapitalismus und Depression II, Berlin, Alexander Verlag, p.25

[10] Donna Haraway, 1995, Die Neuerfindung der Natur, Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/M, Camus, p. 48; p.172 Als “Differenzfelder” bezeichnet Haraway das Muster der De/Konstruktion von Körper, Sex, Gender, das sich der Codierung durch Natur/Kultur entzieht.

[11]cicv.fr/creation_artistique/online/orlan/index1.html [10.10.2002] [nicht mehr online]

[12] http://www.cindyjackson.com [10.10.2002]
Carmen Butta 2002, Die Zeit, 02/2002
zeit.de/2002/02/Politik/print_200202_schoenheit.3.html [10.10.2002] [nicht mehr online]

[13] Roland Barthes, 1985, Plastik, in: Plastikwelten, Ausstellungskatalog, Berlin, Elefanten Press, p. 6

[14] Carmen Butta 2002, p. 10f

[15] taz Nr. 6310 vom 30.11.2000, p. 6

[16] Dass, “wer gut aussieht, mehr Chancen im Leben hat” bestätigt auch eine Umfrage der Frauenzeitschrift Brigitte, die 1978 und erneut 2001 durchgeführt wurde. Interessant ist der Wechsel zwischen Beruflichem Erfolg und Privatleben: 1978 vermuteten 51% bessere Chancen im Privatleben durch ein besseres Aussehen; im Beruf hingegen nur 33%. Im Jahr 2001 wird nahezu umgekehrt gutem Aussehen für den Beruf eine größere Bedeutung zugemessen: 57% gegenüber 32%, die gutem Aussehen vor allem für das Privatleben bessere Chancen zuordnen.
brigitte.de/versand/show_print.php3 [07.01.2002] [nicht mehr online]

[17] Cindy Jackson im Interview mit Danny Danzinger, http://www.cindyjackson.com [10.10.2002]

[18] ibid.

[19] Altsein gelte fast als Krankheit, erklärt Edgar Biemer, Professor für plastische Chirurgie am Münchner Klinikum rechts der Isar. “… Falten und hängende Lider werden in manchen Berufen schon als Zumutung empfunden.”
DER SPIEGEL 12/2000, 20. März 2000,
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,69499,00.html [12.01.02]

[20] Der Spiegel, 47/2002, p. 228

Home of the Cyborgs | Die Homepage

Schreiben | typewriter (c)juttafranzen Wien 2012

Auch wenn die Homepage inzwischen oftmals dem Blog gewichen ist oder der Facebook-Page, so bleibt doch die Besonderheit, dass wir uns im Web mit Schreiben eine eigene Identität schaffen können. Diese kann eine (versuchte) Abbildung der Person sein, die wir kulturell und physisch im analogen Alltag sind, es kann aber auch eine Profilierung, eine Überhöhung oder eine ganz andere Gestalt sein, zu der wir nur werden, wenn wir uns in den Weiten der (sozialen) Netzwerke im Web als “Cyborgs” bewegen.