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CHRONOLOGIE UNTERSUCHUNGEN

Fatale Bewegungen

4. Szenario [Real Life] Go!

Mit dem Umdrehen des Zündschlosses schalte ich die Musik in meinem Auto-Mobil ein. Der Motor kann starten, die Fahrt beginnt.

Ich befinde mich in einem Raum, der meinen Körper wie eine Zelle umschließt: Stahl, Kunststoff und Glas trennen mich von meiner Umwelt, die ich allein durch die Sichtfenster und die Rück- und Seitenspiegel wahrnehme.

Der Klang der Musik sperrt die Geräusche der Umgebung aus und lässt mich nur die des Motors gedämpft wahrnehmen. Der Differenz nach außen entspricht nach innen die Wirkung, dass die Zelle mir einen Schutzraum bietet, für meinen physischen Körper sowie für eine Welt, die sich mir durch den Vorgang des Fahrens eröffnet. Ich sitze am Steuer und an den Hebeln, die mich mit der Maschine verschalten. Ich kontrolliere und lenke die Energie des Auto-Mobils, so dass seine Bewegung zu meiner wird.

Die Musik lässt die Außen-Welt verstummen. Sie stellt eine Auto- Welt her, in der Klang und Rhythmus der Musik mit der Praktik und dem „feeling“ des Fahrens verschmelzen. Die Bewegung und das Tempo von Auto-Mobil und Musik erzeugen in mir jenes lustvolle Gefühl eines „Flow“, das sich bis zum Rausch steigern kann. Das Geschehen und die Ereignisse außerhalb meiner Zelle reduzieren sich auf Punkte, die ich hinter mir lasse. Ich beachte sie nur, um zu verhindern, dass sie in meine Auto- Welt eindringen. Was und wer auch immer ich „draußen“ bin, im Auto-Mobil bin ich zugleich Subjekt und Objekt der Energie, die von der Maschine ausgeht und der Musik, die sie und mich seit ihrem Starten begleitet. Ich nutze sie für meinen Weg, indem ich mich von ihnen be- wegen lasse.

„Nichts bewegt Sie wie ein Citro?n“, verheißt auch der Werbe-Slogan für eine Automarke, deren berühmtestes Modell DS einst als „Déesse“, „Göttin“, bezeichnet wurde. (Roland Barthes, Mythologies, 1957) Das Auto-Mobil ist mehr als ein bloßes Transportmittel, es „erschafft“ mir eine eigene Welt, während es mich transportiert. Es verändert die Muster, mit denen ich meine Außenwelt und meine Innenwelt wahrnehme. Wie ich Geschwindigkeit und Mobilität er-fahre, so kann ich mich selbst er-fahren, als stark, als aggressiv, als schwach.

Die Differenz von Innen und Außen, durch die das Auto-Mobil zur Zelle (m)einer eigenen Welt wird, ist indes instabil und trügerisch. Das Auto-Mobil ist immer auch eine potentielle Todeszelle. „Reality sucks.“ Der physische Körper und die Materialität des Auto-Mobils bleiben Wider- Stände gegenüber den fatalen Bewegungen und ihrer lustvollen Er-fahrung. Geschwindigkeit, Rhythmus und Klang der Musik erscheinen als Spiel und sind doch kein play>, das ein <<rewind, die Bewegung zurück, zuließe.
Still- Stand im „Real life“ ist blutiger Still- Stand.

Aus dem Autoradio tönt der Werbespruch eines Senders: „…Massenkarambolage auf der Autobahn. …Auffällig… Alle hatten denselben Musiksender eingestellt..“


Veröffentlicht in: konkursbuch 42, „Auto“ hrsg. von Gerburg Treusch- Dieter, Claudia Gehrke & Ronald Düker, Tübingen 2004