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FRÖHLICHE CHIRURGIE | Neu betrachtet

Wie der wahre Körper endlich zur Ware wurde.

Fröhliche Chirurgie oder wie der wahre Körper endlich zur Ware wurde – diesen Weg habe ich erneut betrachtet und für meinen Vortrag zur Tagung und  Ausstellung „BADEN IN SCHÖNHEIT. Die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert um einige Stationen  ergänzt, die ich hier kurz vorstelle. Der gesamte Vortrag ist im Katalog zur Ausstellung veröffentlicht. [1]

Dem Thema der Ausstellung folgend, galt mein Blick zunächst den Vorstellungen des wahren Körpers im 19.Jahrhundert.

Vor dem Hintergrund der industriellen Revolution wird bereits seit dem späten 18. Jh  und fortgesetzt im 19.Jh. für den Körper das moderne Paradigma der Maschine prägend. Aus der mythologischen Verstrickung geheimnisvoller (göttlicher) Kräfte befreit, steht der Körper als Maschine [2] fortan für einen Diskurs der Transparenz und Berechenbarkeit.

Wie funktioniert der Körper, und wie lässt er sich für gesellschaftliche Zwecke vervollkommnen, werden zu den leitenden Fragen nach dem wahren Körper.

Das „große Buch vom Menschen als Maschine [wird auf den] zwei Registern [der] Funktionen und Erklärung [sowie der] Unterwerfung und Nutzbarmachung“ [3] geschrieben. Die weltlich gewendete Analyse des Körpers macht ihn verfügbar und gelehrig für Praktiken, die ihn nutzen und für Arbeitsprozesse optimieren.

Der wahre Körper ist im 19. Jh. der gesunde, produktive und gefügige Arbeitskörper.

Der Körper funktioniert in den gesellschaftlichen Produktions- und Herrschaftsverhältnissen so reibungslos wie die Maschinen, an denen er im Zuge der Industrialisierung zunehmend arbeitet.[4]

Cover Baden in Schönheit

Disziplin und Praktiken der Optimierung tragen dazu bei, seine Produktivität und Effizienz zu steigern.

Die Chirurgie ist endgültig aus dem mythologisch-religiösen Kontext gelöst und exklusiv dem Mediziner vorbehalten, der nun mit dem Wissen um die Funktionsweise des Körpers gestaltend in ihn eingreift. Wichtige Fortschritte bringen Verfahren zur Desinfektion der Schnittwerkzeuge (Lister 1827-1912) und die Entwicklung der Anästhesie (Morton 1819-1868).

In Deutschland veröffentlicht Johann Friedrich Dieffenbach, Chefarzt und Chirurg an der Berliner Charité seine Abhandlung „Der Aether gegen den Schmerz.“[5] Dieffenbach gehört auch zu den Wegbereitern der Plastischen Chirurgie, die sich Mitte des 19.Jahrhunderts ausgehend von Berlin als besondere medizinische Fachrichtung etabliert.[6]

Über die funktionale Rekonstruktion eines gesunden Körpers hinaus ist der Schnitt in den Körper am Muster eines gesellschaftlich als schön akzeptierten Körpers orientiert. Abweichende Körperformen, die als Makel gelten, werden so umgeformt, dass sie ansehnlich und gesellschaftlich vorzeigbar werden.[7]

Chirurgie wird zur Schönheitsoperation.

Die Definition des schönen Körpers erfolgt wie die des produktiven und effizienten Körpers gleichfalls nach Kriterien, die transparent berechenbar und messbar sind. Die kunstanatomischen Betrachtungen von Leonardo da Vinci und die klassizistische Proportionslehre von Johann Gottfried Schadow [8] bilden für die plastische Chirurgie die Grundlage um ästhetische Normen zu entwickeln, die auf Daten beruhen und nicht einem subjektiven ästhetischen Empfinden.

Die Schönheitsoperation ist doppelt gesellschaftlich begrenzt: durch das normative Bild des wahren, schönen und produktiven Körpers sowie die Ideologie von Natürlichkeit, die sich über die Optimierung des Körpers durch die plastische Chirurgie stülpt und sie verhüllt.

Es wird noch nahezu ein Jahrhundert dauern, bis das Bekenntnis zum plastischen chirurgischen Eingriff öffentlich erfolgt und als Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses inszeniert wird.

Mit der Entwicklung zur postindustriellen Gesellschaft im 20.Jh. und weiteren Fortschritten in Medizin und Technologie entfaltet sich die Idee eines „self-made“ Körpers, dessen wahre Gestalt an einer Vielfalt von Optionen orientiert ist, zu denen die Medien die Bilder liefern.

Der wahre Körper wird als ein Bild erobert,[9] das Potentiale frei legt und nicht abbildend, sondern produktiv wirkt, indem es den Anblick eines erst herzustellenden Körpers vermittelt.[10]

Wie will ich aussehen wird zur leitenden Frage nach dem wahren und schönen Körper. Natürlichkeit ist nurmehr eine von vielen Optionen und hat auch als Ideologie ausgedient.

instagram #schönheitschirurgie

Die Umformung des Körpers durch plastische Chirurgie zählt wie Sport, Diät zu den Selbsttechniken, die in öffentlichen Szenarien enthüllt werden.

instagram #schönheitschirurgie 17.10.2019

Fröhliche Chirurgie ist wie die Fröhliche Wissenschaft positiv, “jasagend“[11] und an einem Lifestyle orientiert ist, der „bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen“ [12] bleibt.

Fröhliche Chirurgie leistet eine „wunscherfüllende Medizin“[13] , indem sie als ihr Produkt einen Körper verspricht, der Selbstwertgefühl, Anerkennung und Erfolg mit sich bringt. Für die individuelle. Selbstoptimierung bietet die Fröhliche Chirurgie eine Produktpalette gesellschaftlicher Erfolgsmodelle zur Auswahl an. Ihre Verbreitung wird heutzutage vorwiegend durch Social Media wie Instagram oder Snapchat unterstützt, die über Bilder perfekt inszenierter Körper funktionieren.

Der wahre Körper wird zur Ware. Die gesellschaftliche Entwicklung, die die Vorstellung des wahren Körpers aus religiösen, mythologischen und natürlichen Bindungen herausgelöst hat, bindet ihn zurück in eine zweite Natur.

Wie ein Ding lässt sich der wahre Körper auf dem Markt der Schönheitschirurgie erwerben. In beruflichen wie in privaten Beziehungen dient der wahre Körper als Tauschwert oder „Investitionsgegenstand“.[14]

Happy End oder das Fröhliche Ende bleibt indes aus:

Nur wenn der wahre Körper immer wieder neu als Ware erworben wird, kann der ihm zugeordnete Erfolg Bestand haben. Die schöne Gestalt muss aufgefrischt oder veränderten Körperbildern angepasst werden. Was mit der Eroberung des Körpers als Bild und dem Ausschöpfen einer Vielfalt an Optionen für die individuelle Selbstoptimierung begann, endet als Plan zum Kauf des Körpers als Ware.


[1] Matthias Winzen: Baden in Schönheit. Die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert. Bielefeld 2020

[2] Julien Offray de La Mettrie: L’Homme Machine, Leiden 1747

[3] Michel Foucault: Überwachen und Strafen: Frankfurt/M 1977, S. 174

[4] Ursula Strorost: Wie der Körper zum Kultobjekt wurde. Deutschlandfunk 13.12.2018( abgerufen am 01.10.2019)

[5] Johann Friedrich Dieffenbach: Der Aether gegen den Schmerz, Berlin 1847

[6] Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen: Geschichte der Plastischen Chirurgie, o.J. https://www.dgpraec.de/dgpraec/historie/plastische-chirurgie-geschichte/ (abgerufen am 01.10.2019)

[7] John Orlando Roe, zitiert in: Deborah Caslav Covino: Amending the Abject Body. Aesthetic Makeovers in Medicine and Culture, NYC 2004, S. 126

[8] Silke Ewald: Als Schönheit machbar wurde. Die Anfänge der Plastischen Chirurgie, o.J. (abgerufen am 01.10.2019)

[9] Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes, in: Gesamtausgabe Bd. 5, Frankfurt/M [1938] 1977a, S. 87

[10] Martin Heidegger: Kant und das Problem der Metaphysik, Frankfurt/M 4.Aufl. 1973, S. 89

[11] Friedrich Nietzsche: Ecce Homo, Kap. Die Fröhliche Wissenschaft, KSA 6, München, Berlin, New York [1888]1988, S. 333

[12] Friedrich Nietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft, KSA 3, München, Berlin, New York [1882], 1988, S. 352

[13] Matthias Kettner, Iris Junker: Beautiful Enhancements. Über wunscherfüllende Medizin, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 52/2007, S. 185–196, zitiert in: Birgit Hibbeler, Nicola Siegmund-Schultze: Ästhetisch-kosmetische Medizin. Schönheit hat ihren Preis, Deutsches Ärzteblatt 2011; 108(26): A-1468 / B-1238 / C-1234  (abgerufen am 01.10.2019)

[14] Ada Borkenhagen: Der Natur nachgeholfen. Spektrum der Wissenschaft, Gehirn und Geist 2011; (1): 30–36., zitiert in: Birgit Hibbeler, Nicola Siegmund-Schultze, Ästhetisch-kosmetische Medizin. Schönheit hat ihren Preis, Deutsches Ärzteblatt 2011; 108(26): A-1468 / B-1238 / C-1234 (abgerufen am 01.10.2019)